Es sind die Ziele nicht die Zwecke

Theaterspielen bedeutet nachhaltig Lernen
Eine Glosse

von Andrea Fischer

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Die Vorzüge des Theaterspielens in der Schule werden zum Zwecke der Relevanzbestätigung des Fachs häufig besungen: Es sei Empowerment, inkludiert/integriert, fördert Sprachfähigkeit und vieles mehr. Bestimmt alles richtig – prinzipiell, wenn der Unterricht gelingt und die Lehrerhaltung stimmt. Wie in jedem Fach.

Theater ist für mich in erster Linie ein künstlerisches Angebot, das einen Ort für ästhetische Erfahrung schafft. Klar, da kommt dann auch das Fachwissenschaftliche dazu. Und die Regeln der Gestaltung. Aber beim Theaterspielen gilt in besondere Weise: Schaffen ist Reflexion, ist Lernen, ist Begegnung, ist Entwicklung. Die Theaterpraxis bietet Ziele, die herausragend sind für die Veränderungsarbeit des Einzelnen. Hier kann Lernen nachhaltig sein: Das Gelernte berührt, bringt etwas in Schwingung und verklingt nicht so schnell. Wie stets bei positiven Erfahrungen, die auch tatsächlich Erfahrungen sind.

Beim Thema Nachhaltigkeit kann Theaterunterricht ein Modell für andere Fachunterrichte sein. In den Strukturen, Abläufen und Zielen vereint sowohl der Fachunterricht Darstellendes Spiel als auch die freiere Arbeit in den Theater-AGs ein beispielhaftes Vorgehen.

Um meine Behauptung zu stützen: In John Hatties vielzitierter Metastudie „Visible Learning“ habe ich drei Aspekte gefunden, die er als ausschlaggebendes Grundgerüst für wirksames Lehrerhandeln und damit für nachhaltiges Lernen gefiltert hat: Angemessene und transparente Zielsetzung, Perspektivwechsel ermöglichen, Feedback üben. Alle drei Aspekte sind kennzeichnend für Theaterunterricht.

1. Fördern durch transparentes Fordern
Eine transparente Zielsetzung bedeutet eine angemessene und nachvollziehbare Herausforderung für die Lernenden. Das heißt, die Erwartungen der Schülerinnen an ihre eigene Leistungsfähigkeit zu erhöhen: „Du kannst mehr!“

„Kinder und Jugendliche müssen sich angenommen fühlen und müssen spüren, dass ihnen etwas zugetraut wird.“ (John Hattie)

Im Theater gilt immer die Frage als Maßstab: Wirkt das, was hier passiert, oder wirkt es nicht? Und: Wie wirkt es?

Das Beispiel Improvisationstheater
Im Theaterunterricht ermutige ich die Lernenden zum Ausprobieren; so können sie ihre Grenzen dehnen, neue Erkenntnisse über sich gewinnen und ihre Selbstwirksamkeit spürbar wahrnehmen lernen. Die generelle Unterrichtssituation bietet bestenfalls das Gefühl, gefahrfrei ausprobieren zu dürfen und sich dabei in einem geschützten Raum zu befinden.

Theaterunterricht stellt klare Zielanforderungen. Am Beispiel Improvisation ist diese Anforderung dass die Szene sowohl von den Akteuren als auch den Zuschauern als wirkungsvoll wahrgenommen wird. Wirkung ensteht, wenn das Zusammenspiel funktioniert. Improvisierte Szenen haben kein Skript; sie sind ausgangsoffen und bedürfen deshalb eines besonderen Regelgerüsts. Zum Beispiel: Nicht mit dem Rücken zum Publikum spielen, Spielangebote annehmen, Statuswechsel einleiten, Handeln vor Sprache etc. Alles das baut Spannung auf – und die macht das gute Gefühl auf und vor der Bühne aus. Das Regelgerüst können die Beteiligten unmittelbar als praktische Hilfestellung verstehen. Diese praxisbezogene Ausrichtung des Fachs – anders als in anderen Unterrichten – bedeutet ein kraftvolles Förderinstrument.

Die Grenzen zwischen Richtig und Falsch im klassischen Sinne gibt es hier nicht, sondern wir benennen im Anschluss die unterschiedlichen Wirkweisen. Eine Bewertung bleibt aus, und die Rückmeldung beziehe ich stattdessen auf zwei Dinge: Einmal merke ich, dass ich meinem Gefühl trauen darf; zum anderen machen die Regeln erfahrbar Sinn. Ich entwickle Zutrauen in meine eigenen Fähigkeiten.

2. Perspektivwechsel
Beim guten Feedbackgeben kommt es darauf an, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen, so dass das Gesagte dort angenommen werden kann. Nicht ich als Feedback-Gebende stehe im Fokus, sondern es kommt auf die Wirkung beim Adressaten an. Menschen wollen Feedback für sich selbst, bestenfalls zum richtigen Zeitpunkt und passend kommuniziert in Inhalt und Form, so dass eine Weiterentwicklung, eine Veränderung eingeleitet werden kann.

Im Theater proben wir das Beobachten. Das genaue sehen und nachspüren von Bewegungen, das exakte Zuhören und Verstehen von Inhalten.

„Die Wirkungen des eigenen Tuns in den Blick nehmen.“

Spiegeln
Durch Spiegelübungen können wir unsere eigene Wirkung auf andere sehen, verstehen und mit uns einverstanden sein. Durch das exakte Beobachten in den Spiegelübungen lerne ich die Perspektiven des anderen kennen. Ich übe das im Theaterunterricht außerdem mithilfe des peripheren Blicks und trainiere in Statusspielen den Wechsel von Führen und Folgen.

Gezielte Übungen und ihre stete Wiederholung lassen eine aufmerksamere Gruppe entsteht, in der jede*r einzelne den Blick auch immer auf die anderen im Team gerichtet halten kann. Ich sehe diesen Prozess als exemplarisch für den Erwerb der Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Hier ist er erlernbar.

3. Feedback geben und nehmen
Hattie stellt ein gelingendes Feedback-Konzept in den Mittelpunkt wirksamen Lernens. Feedback funktioniert nur in beide Richtungen: Sowohl jede Lernende bekommt von der Lehrenden ein Feedback über ihren jeweiligen, individuellen Lernstand, als auch geben die Lernenden dem Lehrenden ein entsprechendes Feedback über sein Verhalten im Unterricht. Das ermöglicht den Lehrenden ihren Fokus auf die eigenen Handlungen richten zu lernen. Es erweitert ihre Diskursfähigkeit, ihr Reflexionsvermögen.

Wenn Lehrkräfte mehr Feedback über die eigene Wirksamkeit erhalten, dann sind die Schüler die größten Nutznießer.“

Im Theater üben wir Feedback geben und nehmen
Im Theater- als Projektunterricht sind die Ergebnisse entscheidend für die Weiterarbeit. Also probe ich z.B. nach dem Anschauen einer Szene nicht nur das Sprechen über das Präsentierte zum inhaltlichen Abgleich des Gemeinten und Erlebten, sondern auch dass die Spieler*innen den Prozess ernstnehmen. Eine Rückmeldung geben können, bedeutet exakt beobachtet zu haben, klar zu wissen, was man beobachtet und den Prozess abschätzen zu können. Das gelingt laut Hattie kommunikativ nur auf Basis eines aufmerksamen Miteinanders: Wertschätzung der anderen, genaues Hin- und Zuhören, Angstfreiheit, aber auch Abgrenzung und Resilienz. Alle Beteiligten können spüren, dass Veränderung möglich und sogar notwendig ist.

In allen Punkten gilt: Theaterschaffen fördert die Fehlerfreundlichkeit und eine aktive Schülerrolle. Und gerade aus Fehlern werden manchmal die schönsten, witzigsten Szenenideen gewonnen.

Literatur

alle Zitate aus: John Hattie, Lernen sichtbar machen, Baltmannsweiler 2013

Alles immer gut. Mythen Kultureller Bildung, Hrsg. Rat für Kulturelle Bildung, Essen 2014
Die Publikation ist unter diesem Link herunterzuladen: Alles immer gut

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