Worauf ich mich freue: Umarmungen.

Sonja, Lehrerin für Kunst und Theater, Nordhessen

Phänomenologie praktisch

Philosophieren mit Bildern, Bewegungen und Klängen
Eine Übungsreihe für die Schule

von Andrea Fischer

Tasten, Fühlen, Sehen – Empfindungen aller Art: So nehmen wir uns und die Welt wahr. Das nennen wir Bewusstsein. Ohne das Bewusstsein wären wir nicht Mensch.
Die Phänomenologie, die Lehre vom Schein, beschäftigt sich mit unserer Wahrnehmung der Dinge. Welche Erscheinungen offenbaren sich in uns und wie?
Können wir durch Philosophische Übungen unser Bewusstsein schulen?

In der folgenden Übungsreihe im Geiste der phänomenologischen Methode nehme ich diese Fragen als Ausgang.
Es ist eine handlungsorientierte Auseinandersetzung, weil die Schüler*innen selbst praktische Erfahrungen machen.
Dazu wählt die Gruppe zunächst einen Gegenstand zur sinnlichen Betrachtung:

Ein Bild oder Gegenstand; Bild sollte kopiert vorliegen oder als digitale Graphik auf dem Handy incl. Bearbeitungsprogramm; der Gegenstand live und mobil im Raum (z.B. Blumentöpfe im Klassensaal auf der Fensterbank).

Eine Bewegung; einfacher Raumgang mit „Luftschneiden“ vgl. Übungen zur indirekten Berührung.

Ein Geräusch/Klang; besser kein ganzer Song – vor allem kein Song mit Text; selbsterzeugt oder als Aufnahme.

Fokussiert euch in dieser Reihe nur auf einen Gegenstand (Bild oder Bewegung oder Klang).

1. Schritt:
Erlebe das Bild oder die Bewegung oder den Klang so intensiv wie möglich.

Dazu verlangsamst du die Prozesse des Sehens, Spürens und Hörens, indem du deine Wahrnehmung und die Wirkweise der einzelnen Aktion zeitlichen Raum gibst. Es ist die Achtsamkeit des genauen Hinsehens, des Hineinfühlens und des Hinhörens. Es ist wichtig, dass hier – anders als in anderen Unterrichten - keine Interpretation oder Einordnung gefragt ist. Du darfst dir selbst genug sein und brauchst kein Wissen.

Beschreibe die Erfahrung exakt sensorisch und auch emotional. Das WIE des Wahrnehmens ist gefragt.
Tauscht euch aus, ergänzt, fragt nach. (Lehrkraft moderiert)

 

2. Schritt
Nehmt euch euren Erfahrungsgegenstand; das Bild, die Bewegung, den Klang.
Zerlegt den Gegenstand in kleine Teile:

Bild: Wählt zum Beispiel alle Elemente mit einer Farbe aus und schneidet sie aus (mit der Schere oder digital), oder ordnet die Bücher neu an.

Bewegung: separiert zum Beispiel aus dem Gesamt die Kopfbewegung, die Beinbewegung, das Schlenkern der Arme.

Klang: versucht zum Beispiel nur das „Verhallen“ des Klangs herzustellen und separiert nur die lauten Teile.

Jetzt baut aus den Elementen eine neue Reihe, ein neues Bild, eine neue Bewegungsfolge, eine neue Klangabfolge.

Beschreibe die Erfahrung exakt sensorisch und emotional. Das WIE des Wahrnehmens ist gefragt.
Tauscht euch aus, ergänzt, fragt nach. Was war der Unterschied zum „Original!“? (Lehrkraft moderiert)

3. Schritt
Nehmt nun die Einzelelemente aus dem 2. Schritt und transformiert sie in andere Erscheinungsformen. Zum Beispiel singt den Klang oder bringt ihn in Bewegung. Bringt neue Geschwindigkeit in die Bildelemente etc.

Hier ist Kreativität und Spielspaß gefragt.

Beschreibe die Erfahrung exakt sensorisch und emotional. Das WIE des Wahrnehmens ist gefragt.

Tauscht euch aus, ergänzt, fragt nach. Was war der Unterschied zum „Original!“? (Lehrkraft moderiert)

Schluss
Ein Gespräch moderiert durch Lehrkraft:

Was hat sich auf der sensorischen Ebene aus dem Ausgangsmaterial entwickelt?

Hat sich ein Mehr an sensorischer Empfindung ergeben?

Warum könnte das so sein?

Welche Vorteile hat eine Sinnesschulung?