Tief berührt

Über die Facetten des Berührtseins

von Andrea Fischer
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„Über keinen anderen Sinneskanal – und auch nicht über Worte – können Menschen untereinander so schnell und unmissverständlich positive emotionale Botschaften vermitteln wie durch Körperberührungen: Zuneigung, Verzeihen, Freude, Anerkennung, Lob, Wertschätzung und vieles mehr.“ M. Grunwald

Der Hügel erscheint aus der Perspektive einer Sechsjährigen furchtbar steil und ewig lang. Die Familie ist mit den Fahrrädern unterwegs. Die Erschöpfung und die Aussicht auf so viel weitere Anstrengung frustrieren. Der Vater beugt sich herab und legt die flache Hand auf den Rücken des Kindes. „Ich schiebe dich.“ Die Geste allein reicht. Trotzdem er kaum Druck ausübt, fällt das Radeln sehr viel leichter.

Beim Betreten des Raums, in dem die mündlichen Magisterprüfung stattfindet, schaut die Philosophie Professorin von ihrem Papier auf. Ein kurzer, intensiver Blickkontakt und ein kaum merkliches Nicken. Das reicht für eine spürbare Verbindung und eine Aktivierung der Selbstermächtigungskräfte.

Es gibt viele solcher aufmunternden, kraftgebenden Berührungen körperlicher und gespürt taktiler Art in unserem Alltag, an die wir keine bewusste Erinnerung haben. Aber sie sind im richtigen Moment da und helfen über eine Schwelle, ermöglichen Konzentration, machen Mut.

Tastsinn und Wirkung
Vor ein paar Wochen ist mir ein Buch begegnet, das ich mit großer Begeisterung gelesen habe:

In Homo Hapticus führt Martin Grunwald eindrücklich vor, dass der Tastsinn ein unterschätztes Wahrnehmungssystem ist. Der Autor forscht im Bereich der Haptik und ihrer Wirkung auf unser Leben. Die Idee und das Gefühl des Berührens offenbart sich für mich nicht nur physisch, sondern auch mental. Und weil mich schon lange die Möglichkeiten der nicht-physischen Berührung in kommunikativen Prozessen faszinieren, sehe ich hierin eine gute, weiterführende Ergänzung für meine Gedanken. Wie kann der bewusste Einsatz von sinnlicher Wahrnehmung zu einer wirksameren Vermittlung in der Schule führen?

Lebensnotwendigkeit
Die Wissenschaft hat laut Grunwald in den vergangenen Jahren festgestellt, dass der Tastsinn sich als erster aller Sinne entwickelt. Er hat eine hohe kognitive Relevanz in der neuronalen Entwicklung vor der Geburt.

Dank des Tastsinnessystems können wir Oberflächenstrukturen und ihre Beschaffenheit wahrnehmen. Wir können Temperatur- und Härtegrade unterscheiden. Und wir entwickeln durch Bewegungserfahrung in den Monaten vor der Geburt mittels des Tastsinns ein Konzept unserer Körperlichkeit: Das Körperschema. Dieses Schema ist nach der Geburt dafür zuständig, uns in der Welt zu verorten. Wo ist oben, wo unten, wo sind meine physischen Grenzen in Bezug auf meine Umgebung? Unser Körper befindet sich in einem Raum und bewegt sich zeitlich darin. Durch fortwährende Erfahrung im Erleben und Verhalten entwickeln wir ein Bewusstsein unseres Ichs. Wenn das Schema aber nicht seine Arbeit macht, geraten wir in gefahrvolle Situationen. Das Signal zum Schlucken, weil wir spüren, dass etwa in unserem Mund ist, wird dann nicht gesendet; die mangelnde Fähigkeit eine Unterscheidung zwischen heiß und eiskalt, hart und weich zu treffen, kann lebensbedrohliche Verletzungen nach sich ziehen.

„Alles, was einen sensibilisiert, hat eine Qualität des Fühlens. Wenn ich etwas sehe, aber nichts fühle, ist es leer, seiner Sensibilität entleert.“

Der Tastsinn - vielleicht weil er so dauerhaft allgegenwärtig ist - verschwindet aus unserem Bewusstsein hinter der Vorrangstellung vor allem des Visuellen. Häufig wird die kognitive Entwicklung vom Körper abgelöst und das Begreifen für das Lernen ausgeblendet. Ich kenne diese Situation aus der Schule, in deren Alltagsgestaltung sinnlich spürbare Aspekte wie Wärme und Weichheit eine untergeordnete bis gar keine eine Rolle spielen.

„Haptisch und taktil wenig stimulierende Umwelten fördern nicht die Erkundungs- und Anpassungsbereitschaft eines Kindes, wodurch auch die Reifungs- und Entwicklungsprozesse selbst beeinträchtigt werden.“

"Ein Organismus, der auf vielfältige Weise fühlen kann, ist ganz klar im Vorteil auf dieser Welt."

Als Studentin der Kunstpädagogik wurde mir Anfang der 90er in einem Grundseminar ein Thema angetragen: „Die Wirkweise von Oberflächen auf die frühkindliche Entwicklung am Beispiel von Spielzeug aus natürlichem und künstlichem Material“. Meine Kommilitonin und ich suchten intensiv nach Literatur und Studien - und hatten keinen Erfolg. Verzweifelt und auch erstaunt baten wir die Professorin um Rat. „Genau“, sagte sie, „dazu gibt es nichts.“ Das sei ein komplett offenes Forschungsfeld.

Grunwald bestätigt: Erst in den späten 90er Jahren begann die Wissenschaft sich für das Thema zu interessieren. Seitdem wächst langsam die Zahl der Publikationen.

Das Konzept von Berührung und Nähe
Laut zahlreicher Studien kann es ohne Berührung kein Leben, keine Entwicklung und keine Auseinandersetzung geben. Verteilt man die Gewichtung neu, und betrachtet das Tastsinnensystem unter sowohl wissenschaftlichen als auch philosophischen Gesichtspunkten, kann das laut Grunwald zu einem „veränderten Menschenbild“ führen.

Während in der Grundschule die Kinder noch ganz selbstverständlich Lehrende anfassen und auch von ihnen erwarten körperlich berührt zu werden, setzt mit dem Schulwechsel in die fünfte Klasse ein abrupter Verhaltenswandel ein. Im Rahmen der weiterführenden Schule spielt der Körperkontakt zwischen Lehrenden und Lernenden keine Rolle mehr. Anfassen, und die Gefahr damit Grenzen zu überschreiten, ist ein Tabuthema und mit Ängsten und Unterstellungsmöglichkeiten behaftet. Dabei steckt in einer situationsangemessenen Berührung so viel Energie. Ein kurzer Moment der Berührung an Schulter oder Arm versichern dem Lernenden einer Aufmerksamkeit ohne übergriffig zu wirken.

„Selbst kleine Berührungsreize, die nur wenige Sekunden andauern, haben nachweislich einen Einfluss auf unsere psychischen Prozesse. Insbesondere unsere sozialen Urteile über andere Menschen werden durch kurze Körperinteraktionen beeinflusst."

Auch Blicke, Mimik, Körperhaltung und Gestik stellen Berührmomente her. Wir verfügen ganz selbstverständlich darüber, sind uns aber wie bei taktilen Berührungen nicht immer bewusst, welche Wirkung wir damit erzielen. Und sie funktionieren nie nur als Einbahnstraße, sondern berühren sowohl Adressatin als auch Absenderin. Zum einen spüre ich selbst meinen bewussten Einsatz einer Mimik und das wirkt auch auf meinen eigenen Gefühlshaushalt. Lächeln macht glücklich! Zum anderen sende ich eine Botschaft aus und bekomme eine Reaktion, die ich wiederum lesen kann. Redewendungen wie die folgende sind in unserem Sprachgebrauch geläufig: „Wenn Blicke töten könnten“ – das können sie wirklich, zumindest vermögen sie ein inneres Licht zu löschen. Denn ich „spüre die Blicke“ und ein abwertender Gesichtsausdruck „verschlägt mir den Atem“. Es gibt aber auch den „ermutigenden Blick“.

Das Gesicht ist ein basaler Kommunikationsvermittler. Da wir uns in den Wochen vor unserer Geburt in der Hauptsache taktil mit unserem Gesicht beschäftigen, verankert „der Säugling das Bauprinzip seines Körpers und somit auch seines Mundes und seiner Zunge bereits als Fötus neuronal“ und kann dann sehr früh, „die visuellen Informationen der Gesichtsveränderung beim Gegenüber als Aufforderung verstehen, den eigenen entsprechenden Körperteil zu verändern.“

Diese Fähigkeit zur Spiegelung ist die Grundlage für eine nonverbale Kommunikation, die alle verstehen. Eine der wichtigsten und ersten Vokabeln dieser Sprache ist das Lächeln.

"Lächeln: Ein interaktiver Zaubertrick, der allen Beteiligten nützt."

Die Wirkung eines Lächelns macht Eindruck, schafft Atmosphäre, vermittelt und leitet bewusst Emotionen. Das ist förderlich im Lehrenden-Lernenden Verhältnis in der Schule. Mit dem Lächeln haben wir ein mächtiges Instrument, um die Atmosphäre im Klassensaal bewusst zu bestimmen.

Berührung
Was bedeutet in pädagogischen Zusammenhängen zu berühren, berührt zu sein?

„Das lässt mich kalt.“ Meint: es berührt mich nicht, stößt kein Gefühl oder Gedanken an, hat keine Energie. Dagegen lassen uns intensive sinnliche Erlebnisse wie Musikhören, Bewegungen wie gemeinsames Tanzen, Gelesenes und Gesehenes „tief berührt“ zurück. Wir fühlen es sowohl körperlich als auch auf einer geistigen Ebene, dass das gerade Erlebte etwas in uns zum Klingen gebracht hat. Es ist eine Leiberfahrung, die wir in Momenten der bewussten Wahrnehmung empfinden. Das geschieht selten genug in unserer - zurzeit zusätzlich verschärft -distanzierten Welt.

In Berührung kommen, bedeutet sich auf verschiedenen Ebenen zu begegnen und kennenzulernen.

Vor allem das Theater bietet in der Schule eine erweiterte Plattform des Zusammenspiels von Berührungsmomenten. Sei es der erwähnte Tanz in einer chorischen Bewegung oder das gemeinsame Sprechen, Laufen durch den Raum, das Gemeinschaftsgefühl, die Authentizität im Miteinander. Ich kenne das als ein hebendes Gefühl der Verbundenheit. Den Raum miteinander zu teilen hat haptische Qualität. Unbewusst bei Ungeübten, intensiv wahrnehmbar bei sensibilitätstrainierten Menschen.

Zudem gibt es eine Verbindung von Tast- und Hörsinn. Hören hat im Besonderen eine „enge biologische Kopplung“ zum Tastsinnessystem. Schallwellen werden in Bewegung versetzt und wirken dadurch auf unsere Tastsinneswahrnehmung. Wir kennen das Gefühl, dass Klänge uns in intensiver Weise „unter die Haut gehen“, Gänsehaut verursachen. Im Theater trainieren wir das „Lauschen“, das Hören aufeinander, die Gestaltung von Stimme und Resonanz – körperlich wie inhaltlich.

Es ist mein Ziel als Lehrkraft, noch besser in meinem eigenen Körpergefühl beheimatet zu sein, mich selbst und meine persönliche Außenwirkung intensiver zu kennen.

Durch einen achtsamen Fokus auf mich selbst, werde ich auf körpereigene Reaktionen und Mimik aufmerksam und lerne Blicke, Gesten bewusst einzusetzen.
Das Bewusstsein über die eigenen Ausdruckmöglichkeiten verändert das Handeln und damit die Kommunikation mit der Welt im Allgemeinen.
Dieser Prozess braucht Zeit und Mühe – wie alles Lernen. Und die Mühe lohnt sich und lädt zum Dialog ein. Ein Lächeln macht nicht nur glücklich, sondern kommt auch meistens zurück.

Unter Übungen zur indirekten Berührung und Übungen für mehr Leichtigkeit – sind ein paar konkrete Vorschläge für das Training gesammelt.

Literatur

alle Zitate aus: Martin Grunwald, Homo Hapticus, München 2017

Empfehle ich! Und bitte: Kauft das Buch bei der Buchhandlung um die Ecke. Viele Läden bieten im Lockdown Bestell- und Abholservice an.

Aus der Forschung

In der 17. Schwangerschaftswoche kann der Fötus noch nicht hören, sehen, schmecken, riechen. Grunwald beschreibt den Zustand als komplett reizarmen „uteralen Weltraum“. Würde man einen erwachsenen Menschen einer solchen Situation aussetzen, würde man das „Folter infolge von sensorischer Deprivation“ nennen können.

Um die sinnliche Durststrecke anregend zu gestalten und eine neuronale Weiterentwicklung zu ermöglichen, wächst uns die sogenannte Lanugobehaarung. Diese 5-7 Millimeter langen Härchen fallen uns ab der 24. Woche wieder aus.

„Durch diesen sensorischen Trick gelingt es der Natur, eine Sensibilitätssteigerung zu erzeugen, die für das weitere Wachstum des Fötus von entscheidender Bedeutung ist.“

Skin hunger

Das Leben wäre „ohne ein gewisses Maß an Körperinteraktionen und Fremdberührungen nicht menschlich zu nennen“.

Körperkontaktbedürftigkeit/Skin hungers: Berührung ohne Verpflichtung in Massagestudios, in der Mitkuschelzentrale und Projekten wie der „Free Hugs Campaign“.

EXKURS: Touchscreen

In der Schule und Lehre herrscht Leibfeindlichkeit: Harte Sitze, Reduktion der Bewegungsmöglichkeiten, Fokus auf das Sehen, Hören. Verstehen und kognitive Entwicklung passieren aber auch durch den Tastsinn. Durch das Ausblenden dieses elementaren Sinns verhindern wir dreidimensionales Erleben. Das Arbeiten am taktil unsinnlichen, weil stets gleichbleibenden glatten und raumreduzierten, Bildschirmen verschärfen die Situation noch zusätzlich.

Auch ein andauernder zwischenmenschlicher Kontaktmangel hat Konsequenzen: „Digitale Welten sind für Kleinkinder daher nicht Angebote, sondern Einschränkungen der körperlichen und sinnlich-kognitiven Anpassung an die Logik und die Struktur des technischen Systems.“

„Technisch vermittelte Angebote verkürzen die Wahrnehmung der eigenen Wirksamkeit auf dramatische Weise, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass betroffene Kinder jegliches Interesse am analogen Zeitfluss sowie der natürlichen Langsamkeit menschlicher Prozesse und somit die Freude am Handeln verlieren.“

Programmbedienung am Screen: Zu schnell, zu flach. Tempo und schneller Lustgewinn durch "Belohnung" verschleiert die Tatsache, dass das Erlernen von Fertigkeiten in der realen Welt Zeit und Übung benötigen, und Lsiutgwinn sihc erst später einstellt. Denn der "koordinierte Umgang mit dem eigenen dreidimensionalen Körper im dreidimensionalen Raum" bringt Hürden mit sich, ist aber "eine Herausforderung ..., die sich lohnt". Sie lohnt sich deshalb, weil es tiefe Befriedigung schafft, etwas zu erreichen.

Sowohl für Kleinkinder als auch Heranwachsende sind daher die durch den Touchscreen vermittelten „kognitiv-motorischen sowie emotionalen Dämmerzustände" keine Förderung.

Zum Weiterlesen
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat Zahlen und Fakten zum Thema im "Teilband Computerspiele und Internet" in ihrer Reihe "Die Drogenaffinität Jugendlicher in der BRD 2019" veröffentlicht.

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Andrea Fischer

Philosophie und Kunstpädagogik M.A., Theaterkünstlerin, NLP Practitioner