Sinnesnetz

Für eine glücklich machende Leichtigkeit

Eine persönliche Zielerklärung
von Andrea Fischer

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Ich sitze im Auto auf der Fahrt nachhause, muss lächeln und mein Kopf fühlt sich leicht an. Das lief gut heute. Alle wirkten zufrieden und haben das auch in unterschiedlichen Formen - von der Umarmung bis zur dezidierten Erklärung, was heute cool war - geäußert.

Dann gibt es die Tage, an denen ich das komplette Gegenteil erlebe. Ich analysiere die Situation, befrage die Schüler*innen, drehe und wende, blicke auf mein Verhalten, meine Vorbereitungsleistung, meine Aufgabenstellungen zurück und weiß: Ja, das war nicht optimal. Manchmal gelingt alles wundersamerweise aber auch trotz rudimentärer Vorbereitung oder holpriger Gestaltungsaufträge. Ich merke, dass es an meiner Reaktionsfähigkeit lag. Ich konnte mich auf die Stimmungen der Gruppe einstellen und sie leiten.

Die Ursache für den gelingenden Unterricht liegt offenbar nicht in der perfekten Vorbereitung, sondern immer in meiner situationsangemessenen Kommunikationsfähigkeit. Die unterliegt Schwankungen, weil sehr unterschiedliche Faktoren wie z.B. Stress diese Fähigkeit beeinflussen. Aber ich möchte sehr gerne das allseitige Erleben meines Unterrichts verlässlicher auf Lächeln und Leichtigkeit programmieren.

Ich stelle immer wieder fest, dass im Unterricht kommunikativen Prozesse zu einem großen Teil ausschlaggebend sind für das Lernen, die Atmosphäre und die Zufriedenheit aller. Vor einiger Zeit habe ich an einer Coaching-Ausbildung teilgenommen und weiß nun, dass diese kommunikativen Prozesse wie eine Sprache erlernbar sind: Vokabeln und Grammatik und viel praktische Übung, so dass ich sie irgendwann einmal fließend beherrsche.
Egal ob beim alltäglichen Einkauf, beim Verkaufsgespräch, bei der Festansprache, politischen Reden: Die Grammatik einer solchen Sprache ist genaugenommen für jede Situation der Begegnung immer die gleiche. Auch bei der Vermittlungsarbeit in Schule und Lehre. Hier sogar ganz besonders, denn es geht um weitreichende, lebenswichtige Entwicklungen der mir Anvertrauten.
Und weil ich gerne sehr oft lächelnd und mit Leichtigkeit im Kopf vom Unterricht heimkehre, möchte ich diese Sprache so erlernen, dass ich zumindest immer ausgeglichen auf meine Arbeit schauen kann.

Wie geht Kommunikation?
Fest steht: Ich kann nicht nicht kommunizieren. Jedes Verhalten ist Kommunikation. Denn der größte Anteil an Kommunikation liegt im non-verbalen Bereich. Wir kommunizieren durch Körperhaltung, Mimik, Blickführung etc. Hinzu kommen Intonation, Lautstärke, Sprechduktus etc. Diese Botschaften lese ich größtenteils zwar unbewusst - aber dafür umso intensiver als die Inhalte einer sprachlichen Aussage. Auch ein nüchternes „Hallo“ erhält dank non-verbaler Zutaten sofort einen Subtext, der mir alles über Stimmung, Zustand und Haltung des Gegenübers übermittelt.
Aufmerksame Wahrnehmung der Signale unseres Gegenübers ist zentrale Voraussetzung für eine gelingende Kommunikation - eine erfolgreiche Vermittlung.
Ich möchte also meine persönliche sinnlich-konkrete Wahrnehmungsfähigkeit ausdehnen.

Die Wirkung des einzelnen auf andere spielt die entscheidende Rolle.

Wie kann ich aufmerksam das Verhalten anderer lesen und einordnen lernen?
Ich spinne ein Sinnesnetz aus Selbstreflexion, Beobachtungsfähigkeit und Reaktionsverhalten. Klingt komplex, ist es aber gar nicht. Es braucht nur Geduld, Interesse, eine gewisse Dringlichkeit, ein Streben und die Sehnsucht nach Lächeln und Leichtigkeit. Genaugenommen das, was bei allen Lernprozessen die Basis bildet.

Die Grammatik und das Vokabular:

1. Zuerst sich selbst in der Selbstbeobachtung schulen, dann das eigene Verhalten ausschärfen: ein Bewusstsein für die eigene Selbstwirksamkeit entwickeln.

Wie ich wirke, kann ich an den Reaktionen anderer auf mich ablesen. Ich kann sukzessive und hartnäckig mein unbewusstes Verhaltensrepertoire unter die Lupe nehmen und mir über Gesten, Mimik und Körperhaltung etc. bewusster werden.
Körpersprache gezielt einsetzen, macht echt Freude. Das ist wie beim Theaterspielen!
Dann lerne ich erspüren, was ich tue und verstehen, warum ich es wie tue.
Ich habe zum Beispiel die Tendenz beim intensiven Zuhören im Sitzen nicht nur meinen Blick der Sprecherin zuzuwenden, sondern nutze dafür meinen ganzen Körper, vor allem eine Nackenbeugung. Da reicht weit weniger. Eine lockere, entspannte Körperdrehung signalisiert Offenheit, Aufnahmebereitschaft und kann dann auch durch Abwenden als Ende für den Austausch gelesen werden.

Feedback geben lassen
Als Hilfestellung kann ich mir Feedback vor allem durch Schüler*innen geben lassen. Ich nutze konkrete Fragestellungen wie „Wie hast du das empfunden, als ich mich abgewendet habe?“. John Hattie bestätigt in seiner Metastudie „Visible Learning“:  Feedback Kultur ist ein Königsweg in der Lehre.

2. Ich beobachte exakt mein Gegenüber und reagiere auf individuelle Kommunikationsangebote.
Das ist ähnlich wie Rapport aus dem Coaching Bereich. Rapport bedeutet eine intensive Verbindung zwischen mir und anderen im Moment der kommunikativen Begegnung herzustellen. Diese Verbindung ist nicht mit Liebe oder Freundschaft zu verwechseln, denn Rapport ist zeitlich für die professionelle Begegnung situativ begrenzt und kann ohne Aufwand von Emotionen wieder gelöst werden. Sie basiert aber auf Vertrauen. Zudem kann und muss sie in auch einem eingespielten Team wie Lehrende-Lernende immer wieder neu aufgebaut und überprüft werden, weil ich gerade in Gruppen täglich, stündlich neue Situationen vorfinde.
Rapport ist eine Synchronisation innerer Prozesse. Dazu gleiche ich mein Ausdrucksverhalten an mein Gegenüber an.

Nachahmen und sich nicht erwischen lassen
Mein erster Schritt ist das sogenannte Pacen: Ich spiegle durch tatsächliche Nachahmung die Bewegungen meines Gegenübers. Lächelt die Person, lächle ich, sind ihre Arme verschränkt, verschränke ich ebenfalls meine Arme. Ich gestalte das bewusst, meine Spiegelpartnerin wird mein Verhalten als organisch wahrnehmen, wenn ich Übung im Pacen habe. Aber die Körperempfindung, die sie spürt, wie z.B. Enge und Muskelanspannung im Brustbereich beim Verschränken der Arme wird sie bei mir ebenfalls wahrnehmen. Denn diese Körperbilder lösen Gefühle in uns aus. Auf dieser Gefühlsebene wird dann unbewusst ein Gleichklang geschaffen.

Veränderungen einleiten
Der zweite Schritt ist nun die Leitung zu übernehmen: Weil ich weiß, welche Körperempfindung die Person mit den verschränkten Armen hat, kann ich durch weitere Angleichungen auch im klangsprachlichen Bereich eine intensive Verbindung zur Person aufbauen. Geht sie mit – und das spüre, sehe ich – werden die Arme sinken, oder zumindest die Verengungen weicher werden. Ich kann diese Microbewegungen einleiten, indem ich in kleinen Schritten die Veränderung vormache. Die Person wird folgen, wenn guter Rapport da ist. Das macht richtig Freude, diesen durchaus manipulativen Einsatz von Körper und Bewusstsein zu erlernen und für Positives wie Vermittlung und Persönlichkeitsbildung (die eigene und auch die der anderen vgl. unten) zu nutzen. Manipulation ist in der Lehre unser Kerngeschäft; und diese Art der Manipulation berührt den Menschen in seiner ganz persönlichen Gefühlswelt. Hier fühlt er sich gesehen und verstanden. Die Methoden ermöglichen ein intensives Andocken an meine Mitmenschen und ich kann unterstützend in diesen non-verbalen Dialog eintreten. Denn Worte sind nicht immer hilfreich und kommen definitiv nicht immer so an, wie sie beabsichtigt waren. Der Körper ist da viel unmittelbarer.

Und nochmal: Unsere Kommunikation ist größtenteils non-verbal. Und sagt mehr als alle Worte.

3. Ich erkenne, dass ich Modellfunktion für die Schüler*innen habe.
Wie will ich wirken? Wie kann ich mit meinem Verhalten auch Veränderungen in meiner Lerngruppe anstoßen?
Das ist das Ergebnis von Pacen und Leaden. Es gibt das Sprichwort „Wie du rufest in den Wald, so es dir entgegenschallt“. Die Modell-Idee geht noch darüber hinaus: Ich glaube, dass ich als Pädagogin eine Modellfunktion habe. Ich werde den ganzen Tag beobachtet, der Fokus von so vielen liegt auf mir. Meine Handlungen werden, wenn sie positiv wirken, von den Schüler*innen aufgesogen und wiederholt. Sie bauen mich in Teilen nach. Das kenne ich aus meiner eigenen Schulzeit. Nicht eine stilistische Charakterkopie, aber kleine Anteile aus meinem Verhaltensrepertoire wie

  • nicht unterbrechen und in Ruhe bis zum Ende zuhören oder sinnvoll und wertschätzend unterbrechen,
  • Blickkontakt zu allen,
  • der Umgang mit Störungen,
  • das stets freundliche Wort,
  • nachfragen,
  • sich Zeit nehmen und vieles mehr.

Diese Formen der Aufmerksamkeit verändern mich. Ich lerne, dass dieses Verhalten mir „gut tut“.
Es schafft ein Netz aus sinnlicher Wahrnehmung und sinnvollem Verhalten.
Und wir Menschen sind so programmiert: Wenn etwas mal als gut empfunden wurde, wollen wir das immer wieder. Positive Gefühle befördern mich. Und für das Positive an den Gefühlen bin ganz allein ich verantwortlich. Wenn ich das vermitteln kann, ist für eine freundliche Atmosphäre in der Gruppe ein solider Grundstein gelegt.

Übungen zum Text im Praxisteil: Übungen für mehr Leichtigkeit

Literatur

John Hattie, Lernen sichtbar machen, Baltmannsweiler 2013

Regine Berger, John Hattie im Interview zu Visible Learning: „Schüler wollen Feedback“. in: www.visiblelearning.de (letzter Aufruf Dezember 2020)

Peter Truniger, Die Lehrperson als Coach, München 2019

Joseph O`Connor, John Seymor, Neurolinguistisches Programmieren: Gelungene Kommunikation und persönliche Entfaltung, Freiburg 2015

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Andrea Fischer

Philosophie und Kunstpädagogik M.A., Theaterkünstlerin, NPL Practitioner