Fenster. Nicht anfassen

Protokoll einer Kunstaktion der E-Phase Kunst

von Nasia Papadopoulou-Poth

Just look - do not touch!

Corona lautet die Aufgabe der Zeit. Eine Pandemie löst die kollektive Distanz aus. Die Berührung wird bedrohlich, die Nähe birgt Gefahr. Der Mensch als soziales Wesen wird hart geprüft.

Wie gestaltet sich das Leben in Teilisolation? Wie ist der Kontakt ohne Berührung möglich? Leidet die Seele? Wächst die Einsamkeit? Oder die Resignation? Wie ist Gemeinsamkeit zu spüren?

KUNST ALS VERBOT?
Corona macht vorm Schultor nicht halt. Junge Heranwachsende und Lehrende suchen nach neuen Wegen des Austausches. Geht noch das gemeinsame Schaffen? Ist es möglich, gemeinsam kreativ zu arbeiten? Ist Kunst als Tätigkeit in einer Gruppe noch machbar? Während der Pandemie wartet das Leben nicht, es geht weiter. Der gesunde Drang zum Leben-erleben-überleben steuert uns zuverlässig durch die schwierige Phase. Was als Barriere erscheint wird zum Vehikel gemacht. Kunst hinter Glas. Eine Option, eine Provokation.

KUNST ALS VISUELLES ERLEBNIS
Eine Glasplatte wird BEIDSEITIG, GLEICHZEITIG, GEGENSEITIG bemalt, man porträtiert sich gegenseitig und simultan. Der Stift folgt der Bewegung. Die Linien vermischen sich, es entsteht Verwirrung: wer ist wer? wo ist die Grenze des Einen, wo fängt der Andere an? Ist die neue getrennte Welt, die des Dialogs oder des Antilogs? Findet eine Kommunikation statt, oder eine Kakophonie? Wird man hektischer, weil man zur Schau gestellt wird? Ist es vielleicht einfach lustig und unbeschwert?

KUNST ALS HAPTISCHE ERFAHRUNG
Die Angst der Berührung ist schließlich nicht mehr da. Das gleichzeitige Bemalen wird womöglich als Berührung wahrgenommen. Die Farben mischen sich optisch, die Hände berühren sich optisch, die Farbbahnen decken sich. Die Distanz ist überwunden, man ist im Dialog, ganz nah, ganz fern, ganz sicher. Der Mensch hinterlässt seinen Abdruck.

KUNST ALS CHANCE
Gedanken über Partizipation, Einsamkeit, Individualität, Grenzen, aber auch über das System von Aktion und Reaktion, oder über der transformativen Kraft der Kunst haben hier Zugang. Auch die Suche nach der Form ist Teil des Prozesses. Das Ergebnis wird automatisch ausgestellt als Schaufensterglas. Der Prozess hinter Glas wird beobachtet, fotografiert, bestaunt. Einzelne Menschen als Teil eines Systems. Welche Referenzen gelten? Von Haft, Prostitution, Zoo? Oder von Annäherung, Zuneigung, Offenheit? Der Ausgang ist ungewiss. Gut so.

AUSGANG
Was geschah? Anfangs Hemmung, Ratlosigkeit. Zunehmend Spaß und Freiheit. Während der Aktion: Achtsamkeit (das jeweilige Modell nicht enttäuschen), Beobachtung (der eigenen und fremden Tätigkeit), Scheu (gesehen zu werden), Spaß (obwohl man gesehen wird), Selbstkontrolle (nicht verlieren) oder Selbstkontrolle (endlich verlieren). Der künstlerische Anspruch blieb niedrig, man stand sich oft im Weg (Selbstzweifeln). Das Zur-Schau-Stellen empfand die Gruppe erst danach als nicht schlimm. Hier hilft nur die Wiederholung. Je öfter man sich ausstellt, desto besser. Publikum: Vorbeigehende SchülerInnen reagierten sehr positiv, mit Staunen. Das positive Feedback auch aus den eigenen Reihen (Jahrgang, FreundInnen) stärkte die Gruppe anschließend. Alle (Beteiligten und Zuschauer) fanden die Aktion gut und freudig, einen Lichtblick im tristen Corona-Schulalltag.
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Zum Nachmachen

Material
Glasmaler in schwarz und weiß (Glasboard Marker edding 90)
Fensterfront im Zentrum der Schule, beidseitig erreichbar

Zeit
45 Minuten Umsetzung
90 Minuten Planung (Teams, Aufgabenstellung, kunsthirtorische Referenz)

Kunsthistorische Referenz
Pipilotti Rist, Hilf mir ehrlich zu sein (help me to be honest), 2000-2001. 
Kontextkunst im öffentlichen Raum: Videokunst gezeigt an der Anzeigetafel am Times Square New York. 
Relevant für die Aktion ist die Form des erweiterten Kunstbegriffs, hier Liveaktion im öffentlichen Raum. 

Die inhaltliche Aussage der Videokunst/ Aktion von Pipilotti Rist obwohl abweichend, wurde untersucht. Die formalen Elemente dienten als Anregung für die Umsetzung.

Auftrag
Betrachtet euer Gegenüber für 2 Minuten.
Beginnt gleichzeitig das, was ihr von der anderen Person wahrnehmt, zu zeichnen. 
Lasst euren Stift auf die durch das simultane Arbeiten fließend veränderten Positionen des Gegenübers reagieren.
Dabei kommt es nicht auf ein stimmiges Porträt an, sondern Spontanität, das Beobachten und die Reaktion aufeinander.

EXKURS: Pipilotti Rist

"Open my Glade" von Pipilotti Rist, 2000/2009/2017

So nah - so fern. Ich beobachte eine Frau bei einer für mich gänzlich ungewohnten Aktion. Ich fühle mich näher herangezogen und gleichzeitig entsteht ein drückendes Gefühl in meinem Bauch. Diese faszinierende Nähe empfinde ich als unbequem. Ich spüre den gleitenden Bewegungen nach und stelle mir vor, wie sich das anfühlt. Und ich erinnere mich: Früher haben wir unsere Gesichter auf die Glasplatte von Kopiergeräten gepresst. Stills in schwarz/weiß. "Open my Glade" ist pure Aufforderung zum Nachempfinden. Auf Distanz. af

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Nasia Papadopoulou-Poth

Sie glaubt fest, dass Geschichte das Vehikel zum Verständnis der Gegenwart ist und Kunst der Motor zur Gestaltung der Zukunft. In diesem Prozess: Jede*r zählt. 

Dipl. Archäologie und Kunstgeschichte, Oberstudienrätin mit den Fächern Kunst und Geschichte