Ist freies Denken gleich Anarchie?

Francisco Ferrer und die Escuela Moderna

Vor ziemlich genau 120 Jahren eröffnete der Spanier Francisco Ferrer in Barcelona die Escuela Moderna (dt.: Moderne Schule). Was wenig interessant klingt, ist für die Zeitgenossen ein ungeheuerlicher Vorgang. Ferrer ist Unterstützer der Republikaner, lebt seit einem gescheiterten Putschversuch in Frankreich im Exil. 1901 kehrte er nach Spanien zurück, mit dem Geld einer Erbschaft möchte er seine politischen Ideen nun in eine neue Art der Schule tragen.

Was macht Ferrers Escuela Moderna aus? Es sind Elemente wie ...

... gemeinsames Lernen von Jungen und Mädchen
... ein von Regierenden oder Kirche unbeeinflusster Lehrplan
... Lehrer, die nach dem Grundsatz „Sei ein Mensch, da du Menschen schaffen sollst“  
     ausgebildet werden
... neue, unabhängige Schulbücher
... kreative Formen wie „Spiele“ als Lehrmethoden
... u.v.m

Wenig Spektakuläres? Von wegen... Ferrers Ideen gelten als revolutionär, die Escuela Moderna wird von den spanischen Eliten scharf kritisiert, ein Verfall der Sitten und Ordnung prognostiziert. Nach Aufständen in Barcelona wurde Ferrer als einer der Verursacher beschuldigt (was bis heute nicht wirklich geklärt ist), gefangen genommen und von einem eilig einberufenen Kriegsgericht ohne Möglichkeit sich zu verteidigen oder Zeugen zu berufen, zum Tode verurteilt. Die Anklage: Aufruf zur Anarchie.

Ferrers letzte Worte: „Viva la Escuela Moderna!“
Die Schule muss nach seinem Tod schließen, seine Ideen bleiben.

Heute, 120 Jahre später, haftet den Ideen der Escuela Moderna nichts anarchisch-revolutionäres an. Grund genug also zufrieden auf die Errungenschaften des heutigen Schulwesens zu schauen? Mitnichten! Auch heute sehen wir uns einem konservativen Schulwesen gegenüber, das in seiner preußischen Genese nur schwer von neuen Ideen zu überzeugen oder zu reformieren ist. Auch heute lassen sich Defizite in der Lehrer*innenausbildung ausmachen oder interessengeleitete Lehrwerke identifizieren. Und auch eine Ausrichtung auf Prüfungsformate und damit einhergehend die Prägung auf „Leistung statt Lernen“ ist mehr denn je sichtbar, nicht zuletzt bewies dies die zurückliegende Coronazeit.

Es bleibt also immer noch viel zu tun, um Schule weiter zu verändern!

 

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Literatur

Grunder, Hans-Ulrich: Francisco Ferrer, in: Degen, Hans-Jürgen (Hrsg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1995.

Klemm, Ulrich: Libertäre Pädagogik. Eine Einführung (= Pädagogik und Politik 4), Baltmannsweiler 2011.

Felix Heidrich

Studienrat mit den Fächern Geschichte und Mathematik